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enzian-news Dezember 2009

Erfolgreiche Integration ist kein Zufall!

Ein Alphorn macht noch keine Heimat

Wer über Heimat sinniert, landet schnell in einem Strudel: Denn Heimat ist keine Sache, nicht einmal ein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Häufig werde Heimat in der Abgrenzung definiert, sagt die Ethnologin. Es sei ihm nicht das wichtigste, dass Migranten in der Schweiz eine neue Heimat finden, sagt der Integrationsbeauftragte. Nachforschen über einen nebulösen Begriff.

"Hat Heimat für Sie eine Flagge?" fragt Max Frisch in einem seiner berühmten Fragebogen, und weiter unten: "Gesetzt den Fall, Sie wären in der Heimat verhasst, könnten Sie deswegen bestreiten, dass es Ihre Heimat ist?" Heimat scheint ein Wort, über das sich nachzudenken lohnt; Frisch hat ihm einen Fragebogen gewidmet, ebenso wie etwa den Wörtern Tod, Ehe, Freundschaft oder Geld. Wer über Heimat nachdenkt, merkt allerdings schnell, wie nebulös der Begriff ist: Stark in der Emotion, aber schwach in der Aussage. Wer über Heimat spricht, müsste eigentlich über Gefühle sprechen.
 
Brigitta Gerber, Historikerin, Ethnologin und Inhaberin des Büros Toleranzkultur in Basel, ist spezialisiert auf Forschungsumsetzung im Anti-Rassismus-Bereich: "Ich unterscheide eine rückwärtsgewandte von einer modernen Konzeption des Begriffs Heimat; nämlich bei der Frage, ob Menschen ohne Schweizerpass in das Konzept mit eingedacht werden oder nicht". Die Ethnologin hat festgestellt: "Rückwärtsgewandte Gruppierungen, die den Begriff Heimat zur Zeit am meisten im Mund führen, können oftmals nicht sagen, was sie darunter verstehen. Sie wissen aber immer ganz genau, was Heimat nicht sein soll." In den letzten zehn Jahren habe sich allerdings auch eine moderne Konzeption des Bergriffs entwickelt: "Kunst und Kultur, wie etwa die Musik, haben damit begonnen, den Begriff Heimat für sich neu zu besetzen."
 
Der Integrationsbeauftragte der Stadt St. Gallen, Peter Tobler, spricht nicht von Heimat, wenn es um Integration von Migranten geht: "Mein Ziel ist, dass die Leute hier ökonomisch überleben können, und dass sie auch Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen. Ob sie dann irgendwann die Schweiz als Heimat bezeichnen, ist zweitrangig." Der Integrationsbeauftragte ergänzt, dass – im Gegenteil – eine gute Integration immer auch ein Wissen über die eigene Herkunft voraussetzt – ein Gefühl für die ursprüngliche Heimat.
 
So ist denn Heimat ein höchst persönlicher, fast schon intimer Begriff, häufig gekoppelt an Landschaft, Familie, Freunde. Heimat kann die Kneipe um die Ecke sein, geistige Heimat finden Menschen in Büchern oder nur schon in Gedanken. Peter Tobler empfindet heimatliche Gefühle, wenn er mit dem Velo über den Stoss ins Rheintal braust, wo er aufgewachsen ist. Die Ethnologin und Historikerin Brigitta Gerber lebt als Bernerin in Basel. Dort politisiert sie im Grossen Rat und wurde zur Grossratspräsidentin gewählt, notabene zur höchsten Baslerin. Da habe sie schon auch über solche Dinge sinniert. Als sie dann immer wieder einmal darauf angesprochen wurde, ob sie sich als Bernerin in Basel nicht etwa heimatlos fühle, war sie irritiert. Noch mehr irritiert hat sei eine andere Beobachtung in ihrem Präsidialjahr: "Auffallend war, wie häufig bei offiziellen Anlässen Alphornbläser auftraten – und das mitten in der Stadt Basel, weit weg von den Alpen."
Autor / Autorin: Felix Mätzler
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