Erfolgreiche Integration ist kein Zufall!
Ein bisschen Heimat gibt's im Heimatverein
Man weiss es eigentlich: Die rührigsten 1.-August-Feiern gibt's in New Glarus, Wisconsin, USA, und das beste Raclette gibt's beim Schweizer Verein in Berlin. Dort, wo sich Landsleute fernab der Heimat zusammen finden, zelebrieren sie vor allem eines: Ihre Heimat. Das ist bei Serben, Albanern, Italienern oder Brasilianern in der Schweiz nicht anders. Allerdings: Zur Integration ins Gastland taugen die Heimatvereine weniger.
Vica Mitrovic, studierter Politologe, Übersetzer und Kulturvermittler, hat kürzlich einen Roman geschrieben: "Rusalka, eine Frau in Trance". In diesem Roman geht es um Heimat, um einen jungen Mann, der Serbien verlassen hat und in der Schweiz nicht angekommen ist – seelisch. Am Schluss stürzt sich der Heimatlose vom Hochhaus. Vica Mitrovic, selber Wallache, im Osten Serbiens geboren, und seit 20 Jahren in der Schweiz, ist angekommen: "Heute ist die Schweiz meine Heimat, aber auch meine erste Heimat habe ich nicht vergessen." Das sei "dort, wo meine Mama ist", sagt er, und wenn er ein paar Monate nicht mehr dort gewesen sei, habe er "ein Ziehen". Als Insider und Kenner der Balkankultur, sind Vica Mitrovic auch die vielen Heimatvereine seiner Landsleute bestens vertraut. Selber geht er jeden zweiten Sonntag in den serbischen "Club Bambi" in Gossau: "Da kommen jeweils 50 Leute, Männer, Frauen, auch Junge – Secondos". Die Stimmung sei locker, es gebe Kaffee und es werde geplaudert über Politik (serbische – nicht schweizerische), man erfahre Neuigkeiten aus der Heimat, und vor allem: "Wir reden nicht deutsch!" Mitrovic erwähnt es mit Ausrufezeichen.
Als die ersten grossen Einwanderergruppen aus dem Balkan in die Schweiz kamen, unterstützte der damalige Jugoslawische Staat diese Heimatvereine ideell und finanziell, ganz nach dem Vorbild Italiens. "Die Politik ging davon aus, dass die Leute zum Arbeiten auswandern und später wieder heimkehren würden", sagt Vica Mitrovic. Der Migrantenverein war die Brücke zur Heimat. Mit den Kriegen im Balkan haben die verschiedenen Volksgruppen ihre eigenen Vereine gegründet, die dann auch politisch infiltriert – zeitweise auch sehr nationalistisch – wurden und bis heute nicht mehr zusammengefunden haben. Serben, Albaner, Bosnier oder Kroaten, aber auch Griechen oder Italiener haben neben diesen Heimatvereinen häufig auch noch eine Volkstanzgruppe. Hier nehmen viele Junge teil und üben sich in der Volksmusik ihrer Eltern und Grosseltern, tragen bei Auftritten wie Hochzeiten oder Volksfesten die heimische Tracht. Der Politologe Mitrovic weiss, warum Junge hier so häufig mittun: "Das wird von ihnen erwartet; die Eltern wollen Kontrolle, wollen wissen, was ihre Sprösslinge in der Freizeit treiben."
Aber nicht nur Leute aus dem Balkan und dem Mittelmeerraum, auch Kurden, Niederländer oder Brasilianer treffen sich quer durch die Schweiz in ihren Clubs und Heimatvereinen. "Man hat lange geglaubt, man könne diese Vereine in die Integration einbeziehen – das war ein Trugschluss", sagt Peter Tobler, Integrationsbeauftragter der Stadt St. Gallen. Die Vereine seien heimatbezogen: "Da wollen die Leute Schach spielen oder heimisches Fernsehen schauen". Da wollen sie keine Vorträge darüber, wie man in der Schweiz den Abfall trennt.
Auch der Schweizer Verein in Berlin organisiert von Zeit zu Zeit gutschweizerisch einen Raclette-Abend.
Autor / Autorin: Felix Mätzler