Erfolgreiche Integration ist kein Zufall!
„Ich bin bald mehr St. Galler als Bündner“
In Wil gibt es einen Bündnerverein. Die Mitgliederzahl beträgt 68, das Durchschnittsalter auch. Während erstere abnimmt, steigt letzteres an, so dass der Präsident Werner Holderegger zum Schluss kommt: „ In zehn Jahren wird es uns wohl nicht mehr geben.“ Doch der Bündnerverein in Wil zeigt exemplarisch: "Heimwehvereine" sind keine Spezialität der Ausländer.
Der Bündnerverein in Wil ist eigentlich noch jung, erst 1981 wurde er gegründet. Das Angebot für seine knapp 70 Mitglieder reicht vom monatlichen Kegelabend über den jährlichen Chlaushöck bis zum zweijährlichen Vereinsausflug, meistens ins Bündnerland, so das letzte Mal in das Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. Solche Vereine wie den Bündnerverein in Wil gibt es hunderte in der Schweiz. "Neben den Bündnern sind auch die Berner, die Appenzeller und die Toggenburger häufig in Heimatvereinen organisiert, sagt Werner Holderegger, Präsident des Bündnervereins Wil. Der gesellige Teil ist bei den Heimatvereinen zwar sehr wichtig, traditionell waren aber ebenso wichtig die Pflege von Kultur und Sprache und "die Unterstützung bedürftiger Landsleute“, wie es heute noch in den Statuten der Wiler heisst.
Werner Holderegger kam schon als Kind mit dem Bündnerverein in Berührung. „1946 zügelte meine Familie von Schluein im Bündner Oberland in den Kanton St. Gallen, ich war damals neun Jahre alt“. Der Vater war der klassische Emigrant, hatte zu wenig Arbeit und versuchte sein Glück im Unterland. Der Bündnerverein – damals noch der in St. Gallen – bedeutete auch soziale Vernetzung. Klar war beispielsweise, dass andere Bündner im Lebensmittelladen der Holdereggers einkaufen gingen.
Holderegger, der neun Jahre im Bündnerland und 63 Jahre im Kanton St. Gallen verbrachte, ist sich im Klaren darüber, dass er selber nicht mehr der typische Bündner ist. „Eigentlich bin ich ja bald mehr ein St. Galler“, gesteht er sich ein, ist dabei aber keine Ausnahme: „Wir haben auch viele angeheiratete Unterländer im Verein“. Auch bei der Herkunft der "echten" Bündner gibt es grosse regionale Unterschiede: "Wir sind vor allem Oberländer, Engadiner hat's praktisch keine", stellt Holderegger fest. Die jungen Bündner, die ins Unterland kommen, treten dem Bündnerverein ebenfalls nicht mehr bei, allenfalls den studentischen Bündnervereinen, wie es sie etwa an den Unis in Zürich oder St. Gallen gibt“. Und so sind die Tage des Bündnervereins Wil denn wohl auch gezählt. „In zehn Jahren wird es uns kaum mehr geben“ sagt Holderegger.
Auch das Präsidium gäbe Holderegger gerne ab, doch will niemand das Amt übernehmen. Und so steigt das Durchschnittsalter der Mitglieder langsam über 68 und die Mitgliederzahl sinkt darunter, und der Präsident erinnert sich an die guten Zeiten, als der Verein Ende der Achtziger mehr als 120 Mitglieder hatte. Er erinnert sich an die lustigen Chlausabende. Seine Frau trat als Samichlaus auf, für jeden Teilnehmer hatte sie einen Zettel mit ein paar Anekdoten aus dem abgelaufenen Jahr erhalten. Doch es kamen immer weniger Zettel, immer weniger Anekdoten zusammen. Dieses Jahr gibt es am Chlausabend eine Dia-Show über das Vereinsjahr und einen Film über die Rhätische Bahn.
Autor / Autorin: Felix Mätzler