Erfolgreiche Integration ist kein Zufall!
Interkulturelle Übersetzung: Wie weiter ab 2012?
In den Neunzigerjahren wurde in der ganzen Schweiz das Angebot der „interkulturellen Übersetzung“ geschaffen. Anders als beim reinen Dolmetschen werden hier bei der Übersetzung auch kulturell bedingte Unklarheiten und Missverständnisse aufgeschlüsselt. Bis anhin hat der Bund das Angebot mitfinanziert, doch bald wird er sich zurückziehen. Das hat Auswirkungen, auch auf das Angebot im Kanton St. Gallen.
Wenn eine Lehrerin mit einem Kind nicht zurechtkommt, sucht sie das Gespräch mit den Eltern. Handelt es sich um ein afghanisches Flüchtlingskind, ist die Gefahr gross, dass die Eltern kein Deutsch sprechen. Deshalb kann die Lehrerin im Kanton St. Gallen via den Vermittlungsdienst für interkulturelles Übersetzen (Verdi) eine Person suchen, die sowohl die afghanische Sprache Paschtu wie auch Deutsch spricht und dann zwischen Eltern und Lehrerin übersetzt. Zur Übersetzung wird es aber auch gehören, dass die Dolmetscherin den Eltern die Eigenheiten des schweizerischen Schulsystems erklärt, und der Lehrerin die kulturellen Hintergründe des Kindes erläutert, so dass diese das „Fehlverhalten“ einordnen kann.
Interkulturelles Übersetzen ist mehr als eine reine Dolmetscher-Dienstleistung. Das wurde in den Neunzigern entdeckt, als immer mehr Leute, die so genannt allophon sind (keine Landessprache und kein Englisch verstehen), in die Schweiz einwanderten. Dieser Entwicklung wurde Rechnung getragen mit der Gründung der Organisation Interpret, der Interessengemeinschaft für interkulturelles Übersetzen, mit dem Aufbau eines Ausbildungsangebotes für interkulturelle Übersetzer und Übersetzerinnen, und mit der Schaffung eines Zertifikates. Der Bund beteiligte sich bis heute mit 1.42 Millionen Franken jährlich. „Nun wird sich der Bund aber aus der Finanzierung zurückziehen“, sagt Fredy Zeier, Geschäftsleiter der ARGE Integration, die für Verdi zuständig ist (und auch diesen Newsletter herausgibt). Ursprünglich wollte der Bund ab 2012 keinen Rappen mehr bezahlen, nun signalisiert er Gesprächsbereitschaft für eine Übergangsregelung bis Ende 2014. So oder so, die ARGE Integration und mit ihr der Kanton St. Gallen, der seinerseits die ARGE und damit Verdi finanziert, werden sich etwas einfallen lassen müssen. Eines ist für Beda Meier, den Leiter des Kompetenzzentrums Integration, Gleichstellung und Projekte des Kantons St. Gallen, von vornherein klar: „Wir werden alles daran setzen, diese Dienstleistung weiter anzubieten.“ Denn gerade in den Bereichen Schulwesen, Gesundheit und im Sozialbereich wird es immer Leute geben, die die deutsche Sprache zu wenig beherrschen um ein zielführendes Gespräch verfolgen zu können. Was das heisst, erläutert Fredy Zeier von der ARGE Integration anschaulich, wenn er das Beispiel aus dem Spital bringt: „Da musste der Arzt einer albanischen Frau erklären, dass sie einen Tumor in der Gebärmutter hat. Ihr Mann, der im Gegensatz zu ihr gebrochen Deutsch spricht, fragte darauf ganz verstört, ob der Tumor denn weiblich oder männlich sei. Die Ärzte waren verwirrt von dieser abstrusen Frage.“ Kein Wunder, woher hätten sie wissen sollen, dass im albanischen „weibliche“ Tumoren bösartig und „männliche“ gutartig sind.
Für Beda Meier vom Kanton bestätigen solche Erfahrungen seinen Grundsatz, der da heisst: „Interkulturelle Übersetzungen bieten wir nicht einfach für die Fremdsprachigen, wir bieten sie für unsere schweizerischen Institutionen, damit sie die richtigen Schlüsse ziehen und leistungsfähig bleiben“. Natürlich sei es Ziel der Integration, dass Migranten und Migrantinnen möglichst bald eine Landessprache lernten. Aber das geschieht nun einmal nicht von heute auf morgen. Auch auf „Kundenseite“ werden die Dienste von Verdi geschätzt, beispielweise von der Opferhilfe SG/AI/AR, wo häufig Krisenintervention geleistet wird und der Faktor Zeit sehr wichtig ist. Brigitte Huber, Co-Geschäftsleiterin: „Wir arbeiten gerne mit Verdi zusammen, da haben wir ein Gegenüber, die Bedingungen sind klar und eine gute Qualität ist gewährleistet.“
Bis jetzt unterstützt der Bund 15 Vermittlungsstellen für interkulturelle Übersetzung in der ganzen Schweiz. Eine davon ist Verdi im Kanton St. Gallen. In den beiden Appenzell und im Kanton Glarus gibt es keine analogen Stellen. In den Kantonen Thurgau, Graubünden, Schaffhausen und Zürich gibt es Vermittlungsstellen, mit unterschiedlich grossen Pensen, von ganz klein, wie im Thurgau, bis ganz gross, wie im Kanton Zürich. „Eine Option besteht darin, sich mit einer oder mehreren dieser Stellen zusammen zu tun, oder aber das Angebot auf die Kantone auszuweiten, die noch keine Vermittlungsstelle haben“, sagt Fredy Zeier. Daneben wird geprüft, ob eine Zusammenlegung mit dem zweiten Anbieter im Kanton St. Gallen, dem Dolmetscherdienst des Sicherheits- und Justizdepartements möglich ist. Das Problem dort: Da dieser vor allem bei polizeilichen Einvernahmen und Gerichtsprozessen beansprucht wird, und somit eine offizielle staatliche Dienstleistung ist, kann er – anders als Verdi – nicht ausgelagert werden. „Ultima Ratio wäre es, die Dienstleistung abzubauen und Interessenten an private Anbieter zu verweisen – natürlich mit Kostenfolge“, sagt Fredy Zeier von der ARGE. Doch das ist weder im Interesse der ARGE noch des Kantons. Es wäre dann die Situation wieder häufiger anzutreffen, wo der Lehrer ein Gespräch mit den Eltern über den rotzfrechen Junior wünscht, und als Übersetzer amtet – der Junior…
Autor / Autorin: Felix Mätzler