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enzian-news Juni 2010

Erfolgreiche Integration ist kein Zufall!

„Ich muss übersetzen, nicht helfen“

Seit zwei Jahren übersetzt die Kroatin Smilja Juric im Auftrag von Verdi Deutsch in die bosnisch-serbisch-kroatischen Sprachen und umgekehrt. Als „interkulturelle Übersetzerin“ tritt sie immer dann in Aktion, wenn es heikel wird, wenn über IV-Zulassung oder schwierige Kinder debattiert wird. Smilja Juric erzählt:

«Gestern habe ich bei einer IV-Abklärung übersetzt. Da ging es darum, ob ein psychisch angeschlagener Mann, so krank ist, dass er Unterstützung vom Staat erhält. Da waren ein Psychiater und Leute von der Sozialversicherungsanstalt anwesend – und der Mann natürlich, er sprach serbisch. Da habe ich alles, was der Mann sagte, wortwörtlich übersetzt, sogar die Pausen habe ich gleich gesetzt und den Tonfall nachgeahmt. Das ist wichtig, damit sich die Fachleute ein genaues Bild von seiner psychischen Verfassung machen können.
Dieses wortwörtliche Übersetzen ist eher untypisch für meinen Auftrag, denn als interkulturelle Übersetzerin geht es neben der Übersetzung mehr darum, kommunikative Hindernisse zwischen den Parteien auszuräumen. Kürzlich musste ich im Kindergarten übersetzen. Die Kindergärtnerin wollte den Eltern klar machen, dass die Tochter mit einem Znüni erscheinen soll. Da hat die Mutter die Kindergärtnerin laut beschimpft. Nur langsam klärte sich ihr Verhalten: Die Mutter gab ihrer Tochter schon einen Znüni mit, doch die Tochter liess ihn liegen. Sie wollte nicht weiter das Gespött ihrer Gspänli sein, weil sie etwas dicklich war.
Seit zwei Jahren arbeite ich für Verdi als interkulturelle Übersetzerin, ich übersetze in die bosnisch-serbisch-kroatischen Sprachen. Ich arbeite für Schulen, für soziale Institutionen oder für Spitäler, meistens in Rorschach und Umgebung. Gerade in der Schule ist es häufig so, dass die Eltern völlig eingeschüchtert sind, weil ihnen gegenüber nicht nur ein Lehrer sitzt, sondern auch noch die Logopädin oder der Heilpädagoge oder die Schulpsychologin. Dann kommt noch die Fachsprache hinzu. Die Logopädin spricht von den grobmotorischen Fähigkeiten und die Eltern verstehen gar nichts. Da muss ich unterbrechen und die Logopädin bitten, der Mutter und dem Vater genau zu erklären, was denn Grobmotorik ist. Häufig sind halt Übersetzungen nicht nur von der deutschen in die fremde Sprache nötig, sondern ebenso von der Fachsprache in die Umgangssprache.
Ich selber stamme aus Kroatien, bin aber in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, aufgewachsen. Nach der Matura, 1988, kam ich die Schweiz, weil ich in Jugoslawien, kurz vor dem Auseinanderbrechen, keine Zukunft für mich sah. Es ist wichtig beim Übersetzen, dass ich die Mentalität der Leute vom Balkan kenne. So weiss ich, wo ich unterbrechen und Erklärungen einfordern muss, die nicht mit dem eigentlichen Thema sondern mit den unterschiedlichen kulturellen Erfahrung zu tun haben. Wichtig ist aber auch, dass ich mich inhaltlich nicht einmische, ich bin nicht Mediatorin, ich darf nicht helfen.
Viele Leute vom Balkan kommen an diese Gespräche mit der Vorstellung, ihr Gegenüber hasse Ausländer. Da lob ich mir einen Lehrer in Rorschach, der immer bestens vorbereitet ist und am Anfang nur lobende Worte für das Kind hat. Der schafft eine Atmosphäre, in der es allen wohl ist, selbst wenn es um schwierige Themen geht.»
Autor / Autorin: Felix Mätzler
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